Übersäuerung, Bioelektronische Medizin, Ernährung

“Übersäuerung – die populäre Säurelüge: Warum dein Körper kein Zitronenwasser braucht, um ‘basisch’ zu werden”

🔬 Der Mythos der „Übersäuerung“

Der Begriff „Übersäuerung des Körpers“ ist eines der langlebigsten Gesundheitsmythen des 21. Jahrhunderts.

Anhänger „basischer Ernährung“ behaupten, unsere modernen Ernährungsgewohnheiten – Fleisch, Kaffee, Zucker – würden den Körper „sauer“ machen.

Die Wahrheit: Ein gesunder Mensch kann sich praktisch nicht „übersäuern“, weil unser Organismus über ein hochpräzises System zur pH-Regulation verfügt (Raposa et al., 2022).

Der Verdauungstrakt ist ein Paradebeispiel biochemischer Feinabstimmung:

  • Mund: leicht alkalisch (pH 6,5–7,5) – Speichelenzyme wie Amylase arbeiten hier optimal.
  • Magen: stark sauer (pH 1–3) – Salzsäure zerstört Proteine & Keime.
  • Zwölffingerdarm & Dünndarm: (pH 6–8) – Neutralisation durch Galle (basisch) & Pankreassekrete.
  • Dickdarm: leicht sauer (pH 5,5–7) – fördert nützliche Bakterien.
  • Diese pH-Schwankungen sind essentiell und gewollt – kein Zeichen eines Problems, sondern Ausdruck gesunder Biochemie (Blanco & Blanco, 2017).

Das Blut hält seinen pH mit chirurgischer Präzision zwischen 7,35 und 7,45Abweichungen von nur 0,1 können lebensgefährlich sein.

Dieses Gleichgewicht sichern drei Systeme:

  1. Bicarbonat-Puffer (HCO₃⁻/H₂CO₃) neutralisiert sofort Säuren und Basen.
  2. Atmungssystem: Über CO₂-Abgabe reguliert es Säurebildung.
  3. Niere: Scheidet überschüssige Protonen aus oder regeneriert Bicarbonat (McTavish & Sharma, 2018).

Das heißt: Selbst, wenn du literweise Zitronensaft oder Cola trinkst, verändert das deinen Blut-pH nicht messbar – die Puffer sind schneller als jedes Getränk.

Ein Klassiker aus der Esoterik-Ecke: „Beim Essen trinken verdünnt die Magensäure!“ – chemisch unsinnig.

Der Magen reagiert dynamisch: Steigt der pH durch Verdünnung, produziert er mehr Säure, bis der gewünschte pH (~1,5) erreicht ist.

Dein Körper gleicht das in Minuten aus (Yoshimura et al., 1961).

💧 Basisches Wasser & Bäder – Lifestyle ohne Wirkung

Basisches Wasser“ (pH > 8) ist chemisch harmlos, physiologisch aber irrelevant.

Es wird im Magen sofort neutralisiert.

Auch basische Bäder können den Körper-pH nicht beeinflussendie Haut ist keine Einbahnstraße für Ionen (Raposa et al., 2022).

Echte „Azidosen“ sind medizinische Notfälle – z. B. bei Nierenversagen, Diabetes (Ketoazidose) oder schwerer Lungenerkrankung.

Diese Zustände haben nichts mit Ernährung zu tun, sondern mit pathologischen Stoffwechselstörungen (Ayers et al., 2014).

„Übersäuerung“ ist kein Lifestyle-Problem, sondern ein medizinischer Ausnahmezustand.

Dein Verdauungssystem arbeitet mit wechselnden pH-Zonen wie ein fein abgestimmter Reaktor.

Weder „basisches Wasser“ noch „Zitronen morgens auf nüchternen Magen“ verändern das – sie beruhigen nur das Gewissen, nicht die Chemie.

Quellen:

  • Raposa, B., Antal, E., Macharia, J., Pintér, M., Rozmann, N., Pusztai, D., Sugar, M., & Bánáti, D. (2022). Das Problem der Säure und Alkalinität in unserer Ernährung – Fakten, populäre Überzeugungen und die Realität. Acta Alimentaria.

  • Blanco, A., Blanco, G. (2017). Water and Acid–Base Balance. Medical Biochemistry, 689-713.
  •  McTavish, A., & Sharma, M. (2018). Renal physiology: acid–base balance. Anaesthesia & Intensive Care Medicine, 19, 233-238.

  • Yoshimura, H., Fujimoto, M., Okumura, O., Sugimoto, J., & Kuwada, T. (1961). Three-step-regulation of acid-base balance in body fluid after acid load. The Japanese journal of physiology, 11, 109-25.

  • Ayers, P., Dixon, C., Mays, A., & Cannon, D. (2014). Acid–Base Balance in the Context of Critical Care. 21-33.

Dr. Hans-Ulrich Jabs, MD, PhD, MACP-ASIM
Facharzt für Innere Medizin, Geriater & Biochemiker
American College of Physicians – American Society of Internal Medicine
©2025, Dr. HU Jabs.