Der Markt für „Healthy Longevity “& Healthspan boomt.
In Luxushotels und auf Konferenzen erklären Biologinnen, emeritierte Professoren, Pharmakologen und junge Social-Media-Akteure älteren Menschen und einer aufmerksamkeitsbereiten jungen Generation, wie sie die letzten Lebensjahre krankheitsfrei verlängern können.
Dabei vermischen sich seriöse Erkenntnisse der Alterungsbiologie mit kommerziellen Interessen, subliminaler Pharmawerbung und dem Versprechen, Altern sei weitgehend steuerbar – ohne die mühsame Erfahrung mit multimorbiden Menschen in Klinik und Praxis.

Von der Fernsehmoderatorin zur Longevity-Expertin
Nina Ruge (*1956), studierte Biologin (mit Auszeichnung an der TU Braunschweig) und langjährige ZDF-Moderatorin („Leute heute“, Abschiedssatz „Alles wird gut“), hat nach dem Ende ihrer TV-Hauptkarriere Longevity zu ihrer Lebensaufgabe gemacht.
Sie veröffentlichte mehrere Bestseller, betreibt den Podcast „Stayoung“, tritt als Rednerin auf und positioniert sich als „Bullshit-Filter“ gegen teure Biohacking-Hypes.
Sie betont Bewegung, Schlaf, pflanzenbasierte Ernährung und Eigenverantwortung und warnt vor übertriebenen Verjüngungsversprechen.
Gleichzeitig spricht sie auf Veranstaltungen wie der DLD-Konferenz oder dem Ludwig-Erhard-Gipfel und wird von Speaker-Agenturen als Expertin für Healthy Longevity vermarktet – genau in dem Umfeld, in dem der Trend in attraktiven Settings diskutiert wird.
Ruge ist kein isolierter Fall.
Die Longevity-Szene zieht Medienpersönlichkeiten an, die komplexe zellbiologische Konzepte (Hallmarks of Aging nach López-Otín et al. 2013/2023) genomische Instabilität, Telomerverkürzung, epigenetische Veränderungen, Proteostase-Verlust, deregulierter Nährstoffsensing, mitochondriale Dysfunktion, zelluläre Seneszenz, Stammzellerschöpfung, veränderte interzelluläre Kommunikation plus neuere als Inflammaging und Dysbiose verständlich machen.
Das ist verdienstvoll.
Problematisch wird es, wenn daraus ein Geschäftsmodell wird und die Zielgruppe – oft ältere, verunsicherte Menschen – mit Diagnostik, Supplements und pharmakologischen Optionen konfrontiert wird, ohne dass die Sprecherinnen und Sprecher jahrelange klinische Erfahrung mit hochbetagten Multimorbiden mitbringen.

Pharma entdeckt die Geriatrie als Wachstumsmarkt
Pharmakologen und emeritierte Professoren haben die demografische Entwicklung erkannt: Die wachsende Zahl Hochbetagter ist eine attraktive Zielgruppe.
Klassische Beispiele sind Polypharmazie, Statine und GLP-1-Agonisten („Abnehmspritzen“).
Polypharmazie – die dauerhafte Einnahme von fünf oder mehr Medikamenten – betrifft in Deutschland über 40 % der über 65-Jährigen und bis zu 60 % der über 80-Jährigen.
Sie ist eng mit Multimorbidität verbunden, erhöht aber nachweislich das Risiko für Stürze, Delir, kognitive Verschlechterung, Krankenhausaufnahmen und Mortalität durch Wechselwirkungen und altersbedingt veränderte Pharmakokinetik (reduzierte Nierenfunktion, veränderte Körperzusammensetzung).
Geriatrische Leitlinien und Beers-Kriterien warnen vor unnötigen Kombinationen und empfehlen regelmäßiges Deprescribing.
Dennoch bleibt Multimedikation die Norm – und neue Wirkstoffe lassen sich leichter an bestehende Regime anhängen als alte absetzen.
Statine zur Primärprävention bei sehr alten Menschen ohne manifeste kardiovaskuläre Erkrankung sind umstritten.
Ältere Metaanalysen und Studien zeigen gemischte Ergebnisse; viele finden keinen klaren Nutzen auf Gesamtsterblichkeit oder major events bei über 75- bis 80-Jährigen ohne Vorerkrankung.
Die jüngste große randomisierte Studie STAREE (Atorvastatin bei gesunden über 70-Jährigen) zeigte eine relative Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse um etwa 30 %, aber keinen signifikanten Effekt auf behinderungsfreies Überleben, Demenz oder Gesamtsterblichkeit.
Muskuläre und andere Nebenwirkungen sind in dieser Altersgruppe relevant.
Die Indikation muss individualisiert werden – nicht pauschal als Longevity-Tool verkauft.
GLP-1-Rezeptoragonisten (Semaglutid etc.) sind wirksame Mittel bei Typ-2-Diabetes und Adipositas und senken in entsprechenden Populationen kardiovaskuläre Ereignisse und teilweise die Gesamtsterblichkeit (SELECT-Studie).
Pharmaunternehmen und Longevity-Akteure diskutieren sie bereits als potenzielle „erste Longevity-Drugs“.
Für metabolisch gesunde Menschen fehlt jedoch belastbare Evidenz.
Frühe epigenetische Clock-Daten und Tierversuche sind vielversprechend, aber klein, post hoc oder auf erkrankte Populationen beschränkt.
Risiken wie Muskel- und Knochendichteverlust sind für ältere Menschen besonders relevant und können Frailty fördern.
Die Vermarktung als Healthspan-Verlängerung für gesunde oder leicht übergewichtige Menschen ist bisher spekulativ und kommerziell getrieben.

Das junge Auditorium und die fehlende Rosskur
Auffällig ist das Publikum vieler Longevity-Kongresse: junge Menschen, die nach dem Studium als Influencer Geld verdienen wollen.
Sie konsumieren die Narrative, ohne die „Rosskur“ in Klinik und Praxis erlebt zu haben – die Konfrontation mit multimorbiden Hochbetagten, deren Lebensgeschichten, Gebrechlichkeit, sozialen Kontexten und den Grenzen der Medizin.
Statt monatelanger Stationsarbeit oder Hausbesuche bei Pflegebedürftigen reicht oft ein Instagram-Account mit Studien-Zitaten und Produktlinks.
Medfluencer-Kritik (Verbraucherschutz, foodwatch, Heilmittelwerbegesetz, Health-Claims-Verordnung) zeigt regelmäßig Schleichwerbung, unzulässige Gesundheitsversprechen und Interessenkonflikte.
Der Begriff „Medfluencer“ (früher: Pharmareferent) ist inzwischen etabliert und wird von Politik und Konsumentenschutz hinterfragt.

Empfehlung: Blue Zones und echte Geriatrie-Erfahrung zuerst
Ehe medizinische Laien oder Quereinsteiger alte Menschen über pharmakologische Healthspan-Verlängerung aufklären und verunsichern, wäre ein langer Studienaufenthalt in den sogenannten Blue Zones sinnvoll – oder besser noch eine ausgedehnte klinische Geriatrie-Erfahrung.
Die Blue Zones (Okinawa, Sardinien, Ikaria, Nicoya u. a.), populär gemacht durch Dan Buettner, stehen für Lebensstilfaktoren wie pflanzenbetonte Ernährung, moderate Bewegung, soziale Einbindung und Sinn.
Die demografischen Daten der extremen Langlebigkeit sind jedoch stark kritisiert: Saul Newman (Ig-Nobel-Preisträger, preprint-basiert) argumentiert mit Fehlern in der Altersdokumentation, Rentenbetrug und dem Zusammenhang mit Armut und schlechter Registrierung. Peer-Review-Kontroversen und Verteidigungen (u. a. in The Gerontologist) laufen.
Unabhängig davon stützen breitere Evidenz und Beobachtungen die Grundprinzipien:
Bewegung, Ernährung, Schlaf und soziale Bindungen sind die robustesten, evidenzbasierten Hebel für gesundes Altern – weit vor teures Supplement oder experimentellen Pharmaka.
Wer Healthspan erklärt, sollte zuerst die Realität multimorbider Menschen kennen, nicht nur Kongresssäle und Podcast-Studios.

Altern ist komplex, individualisiert und sozial eingebettet.
Die Medikalisierung des normalen Alterns und die Vermarktung von Hoffnung durch Akteure ohne klinische Tiefe verdienen kritische wissenschaftliche Begleitung – nicht nur Applaus in Luxushotels.
Literaturverzeichnis
– López-Otín, C. et al. (2013). The hallmarks of aging. Cell, 153(6), 1194–1217.
– López-Otín, C. et al. (2023). Hallmarks of aging: An expanding universe. Cell, 186(2), 243–278.
– Newman, S. J. (2019). Supercentenarians and the oldest-old are concentrated into regions with no birth certificates and short lifespans. bioRxiv (preprint).
– Diverse geriatrische Quellen und Leitlinien zu Polypharmazie (u. a. Beers-Kriterien, deutsche geriatrische Empfehlungen; Prävalenzdaten >40 % bei ≥65-Jährigen).
– STAREE-Studie und Begleitpublikationen (2026): Atorvastatin-Primärprävention bei über 70-Jährigen – Reduktion kardiovaskulärer Events, kein Effekt auf disability-free survival (NEJM-Kontext).
– SELECT-Studie und Reviews zu GLP-1-Agonisten (NEJM u. a.): Nutzen bei Adipositas/CVD; begrenzte Longevity-Evidenz bei Gesunden; Muskelverlust-Risiken.
– Berichte zu Medfluencern und Gesundheitswerbung (foodwatch-Analysen, Verbraucherzentrale, Heilmittelwerbegesetz/HWG, Health-Claims-Verordnung).
– Öffentliche Quellen zu Nina Ruge (Speaker-Agenturen, Interviews n-tv, Freundin, FOCUS, BRIGITTE u. a.; Podcast Stayoung, Bücher).
Der Text ist bewusst pointiert und stützt sich auf öffentlich verfügbare Fakten und wissenschaftliche Debatten. Er ersetzt keine individuelle medizinische Beratung.

Dr. Hans-Ulrich Jabs, MD, PhD, MACP-ASIM
Independent Research • Internal Medicine • Geriatrics • Dermatology • Biochemistry • Longevity-Coherence Researcher • Medical Advisor.
©2026, Dr. HU Jabs, SDG.