Chronobiologie, Chronopharmakologie

Polypharmazie in der Geriatrie – Chronopharmakologie im Kontext der PRISCUS-Liste

Chronopharmakologie wird im höheren Alter besonders relevant – und gleichzeitig komplizierter.

Mit dem Alter ändern sich Pharmakokinetik und Pharmakodynamik, circadiane Rhythmen werden oft flacher oder gestört, und Multimorbidität führt häufig zu Polypharmazie.

Hier greifen die PRISCUS-Liste und chrono-pharmakologische Überlegungen ineinander.

Definition: Meist die dauerhafte gleichzeitige Einnahme von 5 oder mehr Medikamenten (manche Quellen sprechen ab 10 von schwerer Polypharmazie).

Bei Menschen über 65 Jahren ist das sehr häufig (oft über 40 %, bei über 80-Jährigen bis zu 60 %).

– Altersbedingte Veränderungen: reduzierte Nieren- und Leberfunktion, veränderte Körperzusammensetzung (mehr Fett, weniger Wasser), veränderte Rezeptorempfindlichkeit.

– Mehr Interaktionen, unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW), Verschreibungskaskaden (ein Medikament behandelt die Nebenwirkung eines anderen).

– Erhöhtes Risiko für Stürze, Delir, kognitive Verschlechterung, Hospitalisierungen und reduzierte Adhärenz.

Jedes zusätzliche Medikament kann das Risiko weiter steigern. Die reine Zahl ist aber nicht automatisch schlecht – entscheidend ist, ob die Medikation noch indiziert, dosiert und zeitlich sinnvoll ist.

Die PRISCUS-Liste ist eine speziell für den deutschen Arzneimittelmarkt entwickelte Übersicht über potenziell inadäquate Medikamente (PIM) für Menschen ab etwa 65 Jahren.

– Erstmals 2010 erschienen (damals ca. 83 Wirkstoffe).

– PRISCUS 2.0 (2023, Delphi-Verfahren mit knapp 60 Experten): deutlich erweitert auf ca. 177–187 Wirkstoffe/Wirkstoffklassen.

– Keine absoluten Verbote, sondern evidenzbasierte Warnhinweise. Zu vielen Einträgen gibt es Hinweise zu Alternativen, Monitoring, maximaler Therapiedauer oder Dosisobergrenzen.

– Protonenpumpenhemmer (PPI) bei Anwendung länger als 8 Wochen (ohne klare Indikation).
– Ibuprofen > 1.200 mg/Tag oder länger als eine Woche ohne Magenschutz.
– Bestimmte Benzodiazepine (auch mittellang wirksame wie Oxazepam), zentrale Antihypertensiva (z. B. Clonidin, Moxonidin), einige orale Antidiabetika (Sulfonylharnstoffe etc.), selektive COX-2-Hemmer.
– Risperidon länger als 6 Wochen.

Chronopharmakologie ist das Teilgebiet der Pharmakologie, das untersucht, wie biologische Rhythmen (vor allem der circadiane 24-Stunden-Rhythmus) die Wirkung, Wirksamkeit und Verträglichkeit von Arzneimitteln beeinflussen.

Der menschliche Körper ist keine gleichmäßig laufende Maschine. Tausende Gene (die sogenannten Clock-Gene) und zahlreiche physiologische Prozesse folgen einer inneren Uhr.

Diese wird vor allem vom suprachiasmatischen Nucleus im Hypothalamus gesteuert und durch äußere Zeitgeber wie Licht synchronisiert.

Dadurch schwanken im Tagesverlauf unter anderem:

– Magensäureproduktion und Darmmotilität
– Leberenzyme (die viele Medikamente abbauen)
– Nierenfunktion und Ausscheidung
– Rezeptordichte und Empfindlichkeit der Zielorgane
– Hormonspiegel (z. B. Cortisol, Melatonin, Blutdruckregulation)

Wenn ein Medikament zu unterschiedlichen Tageszeiten eingenommen wird, kann sich deshalb seine Aufnahme, Verteilung, der Abbau, die Wirkung oder die Nebenwirkungsrate verändern – teilweise erheblich.

Chronopharmakologie lässt sich in zwei Bereiche unterteilen:

Untersucht zeitabhängige Unterschiede bei Absorption, Distribution, Metabolismus und Elimination (ADME). 

Beispiel: Die Bioverfügbarkeit mancher oralen Medikamente kann nachts anders sein als tagsüber, weil Magenentleerung, Durchblutung und Enzymaktivität circadian schwanken.

Beschreibt, wie die Empfindlichkeit der Zielorgane und Rezeptoren im Tagesverlauf variiert – selbst bei gleicher Plasmakonzentration. 

Das heißt: Dieselbe Dosis kann morgens stärker oder schwächer wirken als abends.

– Statine (Cholesterinsenker): Werden oft abends empfohlen, weil die Cholesterinsynthese in der Leber nachts ihren Höhepunkt hat.

– Blutdruckmedikamente: Der Blutdruck zeigt einen typischen Tagesrhythmus (morgendlicher Anstieg). Manche Antihypertensiva wirken je nach Einnahmezeitpunkt unterschiedlich stark auf das nächtliche Absinken („Dipping“).

– Asthma-Mittel und Cortison: Asthma-Symptome und die Cortisol-Produktion folgen ausgeprägten Rhythmen; zeitlich angepasste Gaben können Wirksamkeit erhöhen und Nebenwirkungen reduzieren.

– Chemotherapie: Bei einigen Zytostatika (z. B. Oxaliplatin, 5-Fluorouracil) kann die zeitlich optimierte Gabe die Verträglichkeit verbessern und teilweise die Wirksamkeit steigern.

– Schmerzmittel und weitere Substanzen: Auch bei Opioiden, Betablockern und anderen Wirkstoffen wurden tageszeitabhängige Unterschiede beschrieben.

Die klinische Anwendung dieser Erkenntnisse nennt man Chronotherapie: Medikamente werden so dosiert und getimt, dass sie möglichst gut zur biologischen Uhr und zum Symptomverlauf der Erkrankung passen.

Studien zeigen, dass die Wirkung mancher Medikamente je nach Uhrzeit um den Faktor 2 bis 10 schwanken kann.

Eine bessere zeitliche Abstimmung kann die Effektivität erhöhen und Nebenwirkungen verringern.

Gleichzeitig ist Chronopharmakologie noch kein Standard in der täglichen Praxis – unter anderem, weil das Wissen in der medizinischen Ausbildung noch wenig verankert ist und nicht für jedes Medikament klare, evidenzbasierte Zeitvorgaben existieren.

Chronopharmakologie zeigt, dass nicht nur was und wie viel man einnimmt, sondern auch wann man es einnimmt, den Unterschied machen kann.

Der Körper tickt – und Medikamente sollten idealerweise mit ihm mitgehen.

Hinweis: Dies ist eine allgemeine Erklärung. Individuelle Empfehlungen zu Medikamenten und Einnahmezeiten gehören in die Hände von Arzt oder Apotheker.

Dr. Hans-Ulrich Jabs, MD, PhD, MACP-ASIM
Independent Research • Internal Medicine • Geriatrics • Dermatology • Biochemistry • Longevity-Coherence Researcher • Medical Advisor.
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