Der Moschusochse (Ovibos moschatus) stinkt in der Brunft.
Dominante Bullen verteilen über Präputialdrüsen und Urin einen intensiven, ranken Moschusgeruch über Bauch und Fell – und die Kühe kommen.

Evolutionsbiologisch klar: Duft = Signal für Status und Fortpflanzungsbereitschaft.
Beim Menschen ist das subtiler, aber nicht verschwunden. Wir haben nur die Geräusche der Werbung lauter gestellt.


Das Dirndl und das Schweißtuch der Tradition
Im bayrischen Trachtenhemd und im Dirndl-Dekolleté steckt (zumindest kulturell) noch ein Rest dieser Biologie.
Die traditionelle Kleidung war nie auf absolute Geruchsneutralität optimiert.
Ein enges Mieder, ein tiefer Ausschnitt, Stoff, der Schweiß aufnimmt und wieder abgibt – das ist kein Zufall der Modegeschichte, sondern ein Setting, in dem apokrine Drüsen ihre Botschaften besser verteilen können.
Heute ersetzen wir das durch Aluminiumsalze, synthetische Moschusverbindungen und „24-Stunden-Schutz“.
Die Frage bleibt: Was genau schützen wir da eigentlich – und wovor?

Warum wir überhaupt Haare haben – und wo
Augenbrauen sind keine dekorative Laune. Sie leiten Schweiß und Regen seitlich ab, schützen vor Fremdkörpern und Sonnenlicht und sind ein zentrales mimisches Signal. Ohne sie würde Flüssigkeit direkt ins Auge laufen.
Achsel- und Schamhaare sind sekundäre Geschlechtsmerkmale. In diesen Regionen sitzen apokrine Schweißdrüsen, die (im Gegensatz zu den ekkrinen) ein lipid- und proteinreiches Sekret abgeben.
Bakterien auf der Haut und den Haaren spalten dieses Sekret in flüchtige Verbindungen um – darunter Androgen-Derivate wie Androstadienon und Androstenon.
Die Haare vergrößern die Oberfläche, halten Wärme und Feuchtigkeit und wirken wie ein biologischer Diffusor. Das ist der klassische evolutionäre Verdacht: Pheromon-Verteilung.
Was sind Pheromone eigentlich?
Pheromone sind chemische Signale, die Verhalten oder Physiologie von Artgenossen beeinflussen.
Bei vielen Säugetieren klar nachgewiesen. Beim Menschen ist die Lage nüchterner: Es gibt Hinweise, dass Achselsekrete den Menstruationszyklus beeinflussen, Testosteron und Cortisol leicht anheben und sexuelle Wahrnehmung modulieren können.
Klassische, artspezifische „Lockstoffe“ im Sinne des Moschusochsen sind jedoch nicht eindeutig bewiesen. Das vomeronasale Organ ist beim Erwachsenen weitgehend rudimentär.
Trotzdem produzieren wir die Substanzen – und die Haare helfen bei ihrer Freisetzung.

Was wir stattdessen auftragen
Viele Parfüms und Deodorants enthalten Phthalate (besonders Diethylphthalat als Lösungsmittel und Fixateur), synthetische Moschusverbindungen und weitere Duftstoffe, die als endokrin aktive Substanzen gelten. Sie können Androgen- und Östrogenrezeptoren beeinflussen.
Die Dosis macht das Gift – und die Haut ist eine Barriere –, doch die chronische, niedrigdosierte Exposition über Jahre ist ein reales Thema der Umweltmedizin.
Wir waschen den eigenen Geruch weg und ersetzen ihn durch Moleküle, die teilweise hormonell aktiv sind. Ironie der Moderne.

Wie „dauerhafte“ Haarentfernung funktioniert
Laser und IPL (Intense Pulsed Light) nutzen das Prinzip der selektiven Photothermolyse: Melanin im Haarschaft und in der Matrix absorbiert Licht bestimmter Wellenlängen (IPL breitbandig ca. 500–1200 nm, Laser monochromatisch).
Die Energie wird in Wärme umgewandelt. Ziel sind die melaninhaltigen Strukturen und – idealerweise – die Stammzellen im Bulge-Bereich der äußeren Wurzelscheide sowie die dermale Papille.
Die Wärme soll das Follikel so schädigen, dass es nicht mehr oder nur noch schwach nachwächst.
„Permanent“ ist relativ: Es reduziert stark, eliminiert nicht immer vollständig, und anagene Haare (Wachstumsphase) werden bevorzugt getroffen. Mehrere Sitzungen sind nötig, weil Haare in unterschiedlichen Zyklusphasen sind.

Warum die Brustregion und die Melanozyten problematisch sein können
Die Brustdrüse ist hormonell hochaktiv. IPL und Laser sind nicht-ionisierende Strahlung, die Zellen epigenetisch verändern und Zellwachstum beschleunigen können. Mechanismen, die bei Brustkrebs und Melanomen nachgewiesen wurden.
– Thermische Belastung kann Melanozyten reizen und das Erscheinungsbild von Nävi verändern (Hyperpigmentierung, Krusten, Farbverschiebungen). Das kann die Diagnostik von Hautveränderungen erschweren und in Einzelfällen zu verzögerter Erkennung führen.
– Wiederholte thermische Traumata an melanocytenreichen Strukturen sind biologisch nicht „neutral“.
Der Mainstream der Studien sieht kein erhöhtes Krebsrisiko. Das ändert nichts an der grundsätzlichen Beobachtung: Wir erhitzen gezielt Stammzell-Nischen in der Haut, während wir gleichzeitig vor UV-Strahlung warnen.
Das moderne Paradoxon
Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50, Schatten, Hautkrebs-Kampagnen – und gleichzeitig sitzen Millionen Menschen unter Blitzlampen und Lasern, die Haarstammzellen thermisch ausschalten sollen. Die eine Strahlung ist ionisierend und mutagen, die andere thermisch und selektiv.
Der biologische Grundsatz bleibt dennoch spannend: Wir entfernen Strukturen, die evolutionär der Duftkommunikation und dem Schutz dienten, und ersetzen den eigenen Geruch durch industrielle Moleküle.
Glatt ist geil – sagt die Industrie. Der Moschusochse würde vermutlich lachen. Oder zumindest weiter stinken.
Was bleibt, ist die Frage, ob wir unsere Biologie optimieren oder sie nur übertünchen.

Dr. Hans-Ulrich Jabs, MD, PhD, MACP-ASIM
Independent Research • Internal Medicine • Geriatrics • Dermatology • Biochemistry • Longevity-Coherence Researcher • Medical Advisor.
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