Während die Hitze erneut zuschlägt und täglich mehr ältere Menschen gefährdet, müssen wir endlich die wahren Ursachen beim Namen nennen – statt nur über fehlender Klimaanlagen zu jammern.
Das eigentliche Drama: Unsere Senioren sterben nicht primär an der Hitze selbst.
Sie sterben an einem System, das Polypharmazie toleriert, ohne die Medikamente an Außentemperatur, Blutdruckregulation, Leber- und Nierenfunktion oder das dramatisch verminderte Durstgefühl anzupassen.

Keine Kontrolle der Flüssigkeitszufuhr. Stattdessen reflexartige Einweisungen in überhitzte Krankenhäuser, die oft mehr schaden als nutzen.
Viele der verschriebenen Mittel stehen auf der PRISCUS-Liste (potenziell ungeeignete Medikamente im Alter) oder gehören nach FORTA-Klassifikation (A = unverzichtbar, B = sinnvoll, C = fragwürdig, D = meist vermeiden) in die kritischen Kategorien.
Diuretika, bestimmte Blutdrucksenker, Anticholinergika, Sedativa – sie verstärken Dehydration, stören die Temperaturregulation, fördern Verwirrtheit und Stürze.
Und trotzdem werden sie weiter verordnet, ohne regelmäßige, hitzeangepasste Überprüfung.

Die bittere Realität vor Ort:
– Hausärztliche Besuche in Altenheimen beschränken sich allzu oft auf Händeschütteln, Blutdruckmessen und neues Rezept.
– In der geriatrischen Rehabilitation wird Mobilität überbetont, während die Pathophysiologie der Sarkopenie (altersbedingter Muskelschwund) und kognitiver Beeinträchtigungen ignoriert wird.
– Geriatrische Weiterbildung? Bei vielen Ärzten Fehlanzeige.
Das ist kein Einzelfall. Das ist strukturelles Versagen in einem System, das alte Menschen im Stich lässt, wenn es wirklich zählt.
Die Lösung liegt auf der Hand – und braucht keine teuren Klimaanlagen in jedem Zimmer:
✅ Konsequente, regelmäßige Medikamenten-Reviews mit PRISCUS-Liste und FORTA-Klassifikation – besonders vor und während Hitzewellen. Deprescribing, wo sinnvoll.
✅ Ambulante Elektrolyt-Infusionen und gezieltes Flüssigkeitsmanagement dort, wo sie Leben retten – statt unnötiger Klinikeinweisung.
✅ Verpflichtende geriatrische Fortbildung für alle Ärzte, die alte Menschen behandeln.
✅ Ganzheitliche Betreuung in Heimen und Reha: Flüssigkeitsstatus, Kognition, Sarkopenie und Mobilität zusammen denken.
Und ja – es ist Zeit, dass sich Ärzte wieder an ihre großen antiken und naturheilkundlichen Kollegen erinnern:

Hippokrates lehrte schon vor über 2.400 Jahren in „Über die Umwelt“: Gesundheit hängt von Luft, Wasser, Jahreszeiten und Lebensweise ab.
Sebastian Kneipp zeigte mit seinen Wasseranwendungen, wie man Kreislauf, Abwehr und Regulation natürlich stärkt.
Emanuel Felke setzte auf natürliche Heilmethoden, Ernährung und die Selbstheilungskräfte des Körpers.
Ihre Hitzeschutzpläne waren präventiv, regulierend und ganzheitlich – ohne die heutige Polypharmazie-Explosion. Statt nur Pillen zu verschreiben, regelten sie den Organismus.
Es reicht!
Unsere Alten haben dieses Land aufgebaut, Kinder großgezogen, Kriege und Krisen überlebt. Sie verdienen eine Medizin, die sie in der Hitze schützt – keine, die sie durch Übermedikation, oberflächliche Visiten und fehlende geriatrische Kompetenz gefährdet.
Forderung an Politik, Ärztekammern, Krankenkassen und alle Verantwortlichen:
– Hitzeaktionspläne, die Medikamentenmanagement und ambulante Versorgung priorisieren!
– Mehr geriatrische Expertise in der Hausarztpraxis und in Heimen!
– Weniger reflexartiges Krankenhaus – mehr Prävention, Anpassung und echte Fürsorge!
Tagt Euren Hausarzt, Eure Pflegeeinrichtung, Eure Abgeordneten und die Gesundheitspolitik.
Gemeinsam rütteln wir das System wach.
Für unsere Senioren. Für eine Medizin, die verdient, „Fürsorge“ genannt zu werden.

Deprescribing-Strategien im Detail – Für ältere Patienten in der Geriatrie (inkl. Hitze-Kontext)
Deprescribing bedeutet die systematische, geplante Reduktion oder das Absetzen von Medikamenten, bei denen der Nutzen nicht mehr die Risiken überwiegt oder die nicht (mehr) indiziert sind.
Besonders relevant bei Polypharmazie (≥5–10 Medikamente), Multimorbidität und in vulnerablen Situationen wie Hitzewellen, wo viele Priscus-PIMs (potenziell ungeeignete Medikamente) die Thermoregulation stören, Dehydration fördern oder das Durstgefühl weiter mindern.
Ziel: Weniger Nebenwirkungen (Stürze, Delir, Hospitalisierungen), bessere Lebensqualität, höhere Adhärenz und Vermeidung unnötiger Krankenhauseinweisungen.
1. Wann ist Deprescribing besonders dringend?
– Polypharmazie mit ≥8–10 Medikamenten.
– Auftreten neuer Symptome (z. B. Verwirrtheit, Stürze, Müdigkeit, die auf Nebenwirkungen hindeuten).
– Hitzewellen: Überprüfung aller Medikamente auf hitze-relevante Risiken (z. B. Diuretika, Anticholinergika, bestimmte Antihypertensiva, Sedativa).
– Veränderte Patientensituation (z. B. eingeschränkte Nieren-/Leberfunktion, Sarkopenie, kognitive Beeinträchtigung, begrenzte Lebenserwartung).
– Nach Krankenhausaufenthalt oder bei Aufnahme in Pflegeheim.
2. Wichtige Tools (Deutschland-spezifisch)
– PRISCUS-Liste 2.0 (2023): Identifiziert 177 potenziell ungeeignete Wirkstoffe/Klassen für ≥65-Jährige. Hohe Priorität für Deprescribing (z. B. bestimmte PPI >8 Wochen, bestimmte Antidiabetika wie Glibenclamid, Anticholinergika). Enthält Alternativen und Monitoring-Empfehlungen.
– FORTA-Klassifikation: Positiv-Negativ-Ansatz (A = unverzichtbar, B = nützlich, C = fragwürdig, D = vermeiden). Hilft, Unter- und Übertherapie zu erkennen.
– Weitere: STOPP/START-Kriterien (Version 3), STOPPFall, STOPPFrail, EU(7)-PIM-Liste, Medication Appropriateness Index (MAI).
– Praktische Ressourcen: deprescribing.org (Algorithmen für spezifische Substanzklassen), medstopper.com.
3. Praktischer Schritt-für-Schritt-Algorithmus
1. Vollständige Medikationserfassung (Brown-Bag-Methode): Patient bringt alle Medikamente (inkl. OTC, Nahrungsergänzung) mit. Medikationsplan prüfen.
2. Indikation & Nutzen-Risiko bewerten (für jedes Medikament):
– Ist die Indikation noch aktuell?
– Nutzen vs. Risiken (Lebenserwartung, Funktionsstatus, Patientenwünsche berücksichtigen).
– Priscus/FORTA-Check + hitzespezifisch: Stört es Thermoregulation, Flüssigkeitsbalance oder Durstgefühl?
3. Priorisieren (was zuerst?):
– Höchste Priorität: PIMs nach Priscus (D nach FORTA), Medikamente mit klaren Nebenwirkungen, Duplikate, präventive Mittel bei kurzer Lebenserwartung.
– Beispiele für Hitze-relevant: Diuretika (Dehydration), Anticholinergika (Schwitzen gestört, Delir-Risiko), Sedativa (Stürze).
4. Absetzstrategie entwickeln (interdisziplinär mit Apotheker/Pflege):
– Ein Medikament nach dem anderen reduzieren/absetzen (außer in Akutsituationen).
– Tapering bei Bedarf (z. B. PPI, Antidepressiva, Benzodiazepine, Betablocker, Steroide, Opioide – abruptes Absetzen vermeiden!).
– Alternativen prüfen (nicht-pharmakologisch oder sicherere Wirkstoffe).
5. Patienten einbeziehen (Shared Decision Making):
Nutzen/Risiken erklären, Ängste ansprechen („Rebound“-Symptome), Ziele des Patienten (z. B. weniger Tabletten) erfragen.
6. Monitoring & Follow-up:
– Engmaschig (1–4 Wochen nach Änderung): Symptome, Vitalwerte, Labor (z. B. Elektrolyte, Nierenwerte bei Hitze!).
– Notfallplan: Wann wieder einnehmen?
– Dokumentation & Kommunikation (an Pflege, Angehörige, andere Ärzte).
4. Spezifische Deprescribing-Beispiele (häufige Substanzklassen)
– PPI (Protonenpumpenhemmer): Bei >8 Wochen ohne klare Indikation → schrittweise reduzieren auf Bedarfsmedikation. Hohes Priscus-Risiko (Infektionen, Frakturen).
– Benzodiazepine/Sedativa/Z-Substanzen: Langsam ausschleichen (Wochen/Monate), Nicht-pharmakologische Alternativen (Schlafhygiene).
– Antipsychotika (bei BPSD/Demenz): Niedrigdosierte Dauertherapie oft unnötig → Versuch des Absetzens unter Monitoring.
– Antihypertensiva/Diuretika: Bei Hitze vorsichtig anpassen (Orthostase, Dehydration). Zielwerte im Alter individuell (weniger streng).
– Anticholinergika: Starkes Delir- und Hitzestress-Risiko → Alternativen suchen.
Hitze-spezifisch: Vor Hitzewellen systematisch reviewen (z. B. alle Diuretika/Beta-Blocker/Anticholinergika prüfen), Flüssigkeitsmanagement optimieren und ggf. ambulante Elektrolyt-Support einplanen.
5. Herausforderungen & Tipps für den Alltag (Hausarzt/Pflegeheim)
– Widerstände: Patientenängste, „Gewohnheit“, Haftungsfragen → gute Aufklärung und Dokumentation schützen.
– Team-Approach: Apotheker, Pflegekräfte, Geriatrie-Spezialisten einbeziehen.
– Erfolgsmessung: Weniger Stürze, bessere Kognition, höhere Lebensqualität, weniger Hospitalisierungen.
– Ressourcen: FORTA-App, Priscus-Liste (kostenfrei herunterladbar), hausärztliche Leitlinie „Multimedikation“.
Deprescribing ist kein einmaliges Event, sondern eine laufende, patientenzentrierte Aufgabe – besonders in der Geriatrie und bei Hitzewellen.
Studien zeigen: 30–50 % der Medikamente können oft sicher reduziert werden, mit positiven Effekten.
Wichtiger Hinweis: Dies ist allgemeine Information. Individuelle Entscheidungen immer unter ärztlicher Aufsicht treffen.

Dr. Hans-Ulrich Jabs, MD, PhD, MACP-ASIM
Independent Research • Internal Medicine • Geriatrics • Dermatology • Biochemistry • Longevity-Coherence Researcher • Medical Advisor.
©2026, Dr. HU Jabs, SDG.