Ernährung, Hippokrates KochClub, Longevity cuisine

Von Jägern & Sammlern zu Landwirten: Genetische Anpassungen und ihre Auswirkungen auf den Kohlenhydratstoffwechsel

Sind Sie ein C- oder T-Typ? – ein Zucker- oder Fleisch-Liebhaber?

Im Laufe des Evolutionsprozesses hat sich die Lebensweise des Menschen signifikant verändert. Vor etwa 10.000 Jahren führten die Menschen den Übergang von einer Lebensweise als Jäger und Sammler hin zu sesshaften Bauern und Viehzüchtern durch, was in der Geschichte der Menschheit als „Neolithische Revolution“ bekannt ist.

Diese Veränderung war entscheidend für die Entwicklung von Städten und Zivilisationen und führte auch zu tiefgreifenden genetischen Anpassungen. Einer der bedeutendsten Unterschiede zwischen Jägern und Bauern betrifft den Stoffwechsel von Kohlenhydraten. Dieser Artikel beleuchtet die genetischen Anpassungen an die veränderte Nahrungsaufnahme im Rahmen des Übergangs von Jäger- zu Bauerngesellschaften und ihre biologischen Implikationen, insbesondere in Bezug auf den Glucose Transporter GLUT4-Stoffwechselweg und die genetischen Unterschiede im CLTCL1-Gen (Clathrin Heavy Chain Like 1).

Die Neolithische Revolution und ihre Auswirkungen auf die Ernährung

Vor der Einführung der Landwirtschaft lebten Menschen als Jäger und Sammler, wobei ihre Ernährung überwiegend aus Fleisch, Fisch, Beeren und anderen wild wachsenden Pflanzen bestand. Diese Nahrungsmittel enthalten im Vergleich zu den Nahrungsmitteln der späteren Landwirte weniger Kohlenhydrate.

Mit dem Aufkommen des Ackerbaus begann die vermehrte Nutzung von Getreide wie Weizen, das einen hohen Anteil an Kohlenhydraten aufweist. Dies führte zu einer dramatischen Veränderung in der Nahrungsaufnahme und zwang den menschlichen Körper, sich an eine kohlenhydratreichere Ernährung anzupassen (Wadley et al., 2020).

Während 100 g Fleisch 0 g Kohlenhydrate enthalten, liefern 100 g Weizen etwa 76 g Kohlenhydrate. Diese erhebliche Veränderung der Nahrungszusammensetzung erforderte evolutionäre Anpassungen, um den erhöhten Blutzuckerspiegel nach dem Verzehr von kohlenhydratreichen Lebensmitteln zu regulieren. Eine dieser Anpassungen betrifft den GLUT4-Stoffwechselweg, der eine Schlüsselrolle bei der Aufnahme von Glukose in die Zellen spielt.

Der GLUT4-Stoffwechselweg

Der GLUT4-Stoffwechselweg ist der Hauptmechanismus, durch den der Körper nach einer Mahlzeit den Blutzuckerspiegel reguliert. GLUT4 ist ein Glukosetransporter, der auf Signale von Insulin reagiert, das nach dem Verzehr von Kohlenhydraten freigesetzt wird. Insulin löst die Translokation von GLUT4 aus einem intrazellulären Speicherkompartiment an die Zellmembran aus, wo es Glukose aus dem Blut in die Zellen transportiert. Dies senkt den Blutzuckerspiegel und versorgt die Zellen gleichzeitig mit Energie (Bogan, 2012).

Eine zentrale Rolle im GLUT4-Stoffwechselweg spielt das Protein CHC22, das durch das Gen CLTCL1 kodiert wird. Dieses Protein ist für den Rücktransport von GLUT4 in das Speicherkompartiment verantwortlich. Eine genetische Variante dieses Proteins, das sogenannte C-Allel, ist bei Menschen, die in landwirtschaftlichen Gesellschaften leben, häufiger zu finden. Diese Variante führt dazu, dass GLUT4 effizienter an die Zellmembran transloziert wird und der Blutzuckerspiegel nach dem Verzehr von Kohlenhydraten schneller gesenkt wird (Lynch et al., 2019).

Genetische Unterschiede zwischen Jägern und Bauern

Evolutionäre Prozesse, die durch spontane Mutationen und natürlichen Selektionsdruck ausgelöst werden, haben zu Unterschieden im genetischen Profil von Jägern und Bauern geführt. Studien zeigen, dass die C-Variante des CLTCL1-Gens, die mit einer effizienteren Glukoseaufnahme assoziiert ist, häufiger bei landwirtschaftlichen Populationen vorkommt, während das T-Allel, das weniger effizient bei der Glukoseregulation ist, bei Jäger- und Sammlergesellschaften verbreitet ist. 

Diese Unterschiede in der Genfrequenz sind vermutlich auf den selektiven Druck zurückzuführen, der durch die vermehrte Aufnahme von Kohlenhydraten in landwirtschaftlichen Gesellschaften entstand. Das C-Allel bietet einen evolutionären Vorteil in einer Umgebung, in der regelmäßig kohlenhydratreiche Nahrungsmittel konsumiert werden, indem es den Blutzucker effizienter senkt und das Risiko von Hyperglykämie reduziert (Carrieri et al., 2020).

Kohlenhydrataufnahme und ihre Bedeutung für die Genetik

Während der Übergang zur Landwirtschaft den regelmäßigen Verzehr von verdaulichen Kohlenhydraten ermöglichte, profitierten Landwirte von der C-Variante des CLTCL1-Gens, die es ermöglichte, den Blutzuckerspiegel nach Mahlzeiten schneller zu senken. Dies ermöglichte eine bessere Kontrolle über den Blutzuckerspiegel, während das T-Allel bei Jägern in Zeiten von Nahrungsmangel von Vorteil war, da es zu einer langsameren Glukoseaufnahme führte und so eine stabilere Energiequelle gewährleistete (Zeng et al., 2021).

Koexistenz der genetischen Profile

Heutzutage existieren beide genetischen Varianten (C und T) nebeneinander, wobei jedes Profil eine unterschiedliche Fähigkeit zur Regulation des Blutzuckerspiegels besitzt. Obwohl diese Varianten nicht direkt mit der Entstehung von Typ-II-Diabetes in Verbindung gebracht werden, ist es wahrscheinlicher, dass Individuen mit dem T-Allel, die sich kohlenhydratreich ernähren, ein höheres Risiko für Insulinresistenz und Diabetes haben. Die Anpassung der C-Variante an den erhöhten Kohlenhydratkonsum der Landwirtschaftsbevölkerung bietet Vorteile in einer Umgebung, in der kohlenhydratreiche Nahrung regelmäßig konsumiert wird.

Fazit

Die genetischen Unterschiede zwischen Jägern und Bauern, insbesondere im GLUT4-Stoffwechselweg und im CLTCL1-Gen, verdeutlichen, wie sich der menschliche Körper an veränderte Lebens- und Ernährungsweisen angepasst hat. Die vermehrte Aufnahme von Kohlenhydraten durch den Übergang zur Landwirtschaft führte zu evolutionären Vorteilen für bestimmte genetische Profile, die die Effizienz der Glukoseaufnahme verbesserten. Das Verständnis dieser Anpassungen bietet nicht nur einen Einblick in die menschliche Evolution, sondern hilft auch, die heutigen Gesundheitsprobleme, wie Insulinresistenz und Diabetes, besser zu verstehen.

In der Premium MedWellness-Kur© wird die personalisierte Ernährungsberatung anhand Ihres genetischen Profils gesteuert. Aus einer Speichelprobe können Sie bestimmen lassen, ob Sie das C-Allel oder das T-Allel geerbt haben und ob Sie Zucker gut oder schlecht verdauen können.

Den Speicheltest führen Sie vor der Kur zuhause durch und schicken die Probe direkt an das Labor (den Link bekommen Sie mit der Anmeldung zur Kur). Die persönlichen Daten werden Ihnen nach ca. 3 Wochen als Mail geschickt. Sie entscheiden, ob Sie Ihre Daten für eine personalisierte Ernährungsberatung dem leitenden Facharzt für Innere Medizin anvertrauen möchten (https://drjabs.org/2024/09/06/epigenetik-broccoli-spricht-mit-meinen-genen-aber-was-wollen-meine-gene-mir-sagen/).

Literaturverzeichnis
– Wadley, R. L., & Zohary, D. (2020). Human Dietary Shifts and Evolution.
– Bogan, J. S. (2012). GLUT4 Trafficking and Its Regulation by Insulin.
– Lynch, M., & Williams, S. (2019). GLUT4 Regulation in Agricultural and Hunter Populations.
– Carrieri, C., et al. (2020). Evolutionary Pressure in Glucose Regulation.
– Zeng, H., & Jiang, Q. (2021). Dietary Shifts and Genetic Adaptation in Human Evolution.

Dr. Hans-Ulrich Jabs, MD, PhD, MACP-ASIM
Facharzt Innere Medizin, Geriater & Biochemiker
American College of Physicians – American Society of Internal Medicine
Hippokrates Kochclub®