Eberbach & Wiesloch-Studie, Geriatrie

Prävention: Von Eberbach-Wiesloch zur Papier-Reha – wann kommt der Ruck?

In zwei kleinen Städten am Neckar haben Bürger, Hausärzte und eine Universität vor fast fünfzig Jahren vorgemacht, was das Sozialgesetzbuch bis heute verspricht – und die Praxis oft verweigert: Gesundheit entsteht in der Gemeinde, nicht im Formular.

Ab 1976/77 untersuchte die Arbeitsgruppe um Prof. Egbert Nüssel (Klinische Sozialmedizin, Universität Heidelberg) praktisch die ganze erwachsene Mittelalter-Bevölkerung von Eberbach und Wiesloch: Blutdruck, Cholesterin, Blutzucker, Harnsäure, Gewicht, Rauchen.

Die Teilnahme lag bei etwa 98 Prozent der 30- bis 59-Jährigen – Tausende Männer und Frauen.

Ein Herzinfarktregister gab es in der Region schon seit 1970; Neckargemünd diente als Vergleich.

Ab 1978/79 wurde daraus keine weitere Datensammlung, sondern kommunale Prävention:

Die Gemeinde war nicht nur Ziel, sondern Mitgestalterin. Bäcker, Metzger, Vereine, Schulen, Bürgermeister, niedergelassene Ärzte und freiwillige Helfer zogen mit.

Kochkurse, Wandergruppen, Blutdruckmessen auf dem Markt, Koronarsport mit den Wieslocher Ärzten. Die Universität begleitete wissenschaftlich – sie sollte Katalysator sein, nicht Dauerbetreiber.

Nüssels Kernsatz gilt heute mehr denn je: Von außen angestoßenes Gesundheitsverhalten stirbt an Kurzlebigkeit und Unterfinanzierung – es überlebt nur, wenn es Teil des Gemeindelebens wird.

Genau das ist die Pointe: Selbst, wenn man die große DHP als teuren Fehlschlag verbucht –Eberbach-Wiesloch war billig, weil es auf Hausärzte, Vereine und Bürger setzte statt auf einen zentralen Apparat.

Das teure war später nicht die Idee. Das teure wurde die Verwaltung der Folgen.

Im Gesetz steht der Vorrang klar. § 3 SGB IX: Die Träger sollen darauf hinwirken, dass Behinderung und chronische Krankheit gar nicht erst eintreten.

Der Gemeinsame Bundesausschuss regelt in der Rehabilitations-Richtlinie aber nicht die Gemeinde, sondern das Verordnungsverfahren:

Wer darf wann welche medizinische Reha auf Muster 61 schreiben, welche Funktionstests, welche Diagnosen, wann prüft die Kasse noch, wann der Medizinische Dienst.

Prävention bleibt daneben ein anderes Regal: §-20-Kurse, Bonushefte, Inselprojekte.

Die Reha-Richtlinie macht aus der Idee „die Stadt beugt vor“ eine Leistung nach Indikationskatalog.

So entsteht Papier-Reha: zwölfseitige Berichte, Peer-Review-Formulierungskunst, ICF-Kästchen, Träger-Pingpong, Budgetdeckel bei der Rentenversicherung, während der demografische Bedarf steigt.

Warum nutzen wir die alten Ergebnisse nicht – und schon gar nicht mit KI?

Nicht, weil niemand die Studien kennt. Sondern weil das System die falsche Einheit steuert.

Eberbach dachte in Orten und Beziehungen.

Das heutige System denkt in Kostenträgern, Codes und Quartalen.

Community-Trials der 70er/80er waren methodisch unvollkommen, die Evidenz gemischt.

Das wurde zur Ausrede, das Prinzip zu begraben, statt es zu modernisieren.

– individuelle Risikosignale aus Versorgungsdaten, bevor der Pflegegrad kommt
– Entlastung von Muster-61-Bürokratie durch strukturierte Dokumentation
– lokale Gesundheitsplattformen: Wer in Wiesloch braucht heute denselben Wanderkreis, denselben Kochkurs, denselben Geriatrie-Check wie 1979 – nur personalisiert
– Früherkennung von Gebrechlichkeit in der Hausarztpraxis statt erst in der Klinik

Stattdessen digitalisieren wir oft den Wasserkopf: DiGA ja, Gemeindeinfrastruktur nein.

Algorithmen in Silos. Haftungsscheu. G-BA-Takt. Daten, die niemandem am Neckar gehören.

Geriatrie darf nicht das spezialisierte Endlager eines Systems sein, das Prävention dreißig Jahre lang als Restposten behandelt hat.

Subsidiarität im SGB heißt: zuerst der Mensch, die Familie, der Hausarzt, der Verein, die Kommune – dann der Träger, dann der Bundessausschuss. Nicht umgekehrt.

Wenn 70-Jährige erst über Funktionstests und zwei geriatrietypische Diagnosen in eine dreiwöchige Reha kommen, haben wir die Stadt schon verloren.

Der Ruck kommt nicht aus einer neuen Richtlinie mit noch einer Anlage.

Er kommt, wenn Politik den Mut hat, Gemeindeprävention wieder zur Regelinfrastruktur zu machen – und die Papier-Reha auf das zu reduzieren, wofür sie da ist: komplexe Fälle, nicht die Normalbiografie des Alters.

Eberbach und Wiesloch haben das ohne Cloud und ohne Chatbot geschafft.
Wir haben beides. Uns fehlt der Wille, Gesundheit wieder dort anzusiedeln, wo Menschen leben.

Der Ruck durch die Reha-Bürokratie kommt nicht von einer neuen Anlage zur Richtlinie.
Er kommt von KI – wenn wir sie dorthin stellen, wo 1979 schon Bürger, Bäcker und Hausärzte standen.

In Eberbach und Wiesloch hat eine ganze Stadt vorgemacht, dass Prävention Gemeindearbeit ist.

Fünfzig Jahre später sitzt in Wiesloch ein Hausarztzentrum, das akute Fälle per KI einschätzt. Dieselbe Region. Zwei Epochen.

Eine offene Frage: Nutzen wir die Intelligenz für Menschen – oder nur für Akten?

Der Ruck, konkret

1. Primärprävention digital erstattungsfähig machen – DiGA-Logik um eine Gemeinde- und Vorsorgeschicht erweitern, sonst bleibt KI Therapie der schon Kranken. 

2. ePA + § 25b + Hausarzt zur Pflichtinfrastruktur für Frailty und kardiovaskuläres Risiko, mit Opt-out und lokaler Auswertung, nicht nur Konzern-Apps. 

3. Reha-Richtlinie auf Ausnahme zuschneiden, Assessment-KI und Prähabilitation zur Regel – Dokumentation maschinell, Entscheidung menschlich.

1979 haben Metzger und Wandergruppen mehr Prävention geschafft als mancher heutige Digitalgipfel.

2026 können dieselben Städte das mit Modellen tun, die den Einzelnen kennen, ohne ihn zu ersetzen.

Das Trio nach der Entlassung

SchichtWerkzeugWas es tutWas es nicht tut
VegetativZenowell taVNS + AI-CoachSchlaf, Stress, HRV, Bereitschaft für ÜbungKeine SGB-Reha, keine Diagnose
Motorisch-kognitivichò-Ball + AppBewegung, Erinnerung, Sprache,
Gruppe
Kein Ersatz für Physio bei komplexem
Defizit
SozialEnkel, Verein, PraxisSinn und DranbleibenKein Algorithmus ersetzt Besuch
SteuerndAI-Coach / Hausarzt-RadarTagesdosis, Eskalation, weniger FormularHaftung bleibt beim Menschen

So steht die Geriatrie wieder auf den Beinen der Subsidiarität: zuerst Körper und Bindung in der Wohnung, dann Praxis, dann Reha.

KI dosiert den Vagus, der Ball hält die Enkelin im Alltag, der Coach verhindert, dass die Reha zur Erinnerung an drei Wochen Kurpark wird.

Der Ruck ist greifbar: Wer nach der Reha nur einen PDF-Entlassbericht mitgibt, hat die Hälfte der Investition verschenkt.

Wer Zenowell für die Nacht, ichò für den Nachmittag und den AI-Coach für die Woche mitgibt, verlängert die Gemeindeprävention von Eberbach-Wiesloch bis ins Wohnzimmer.

Dr. Hans-Ulrich Jabs, MD, PhD, MACP-ASIM
Independent Research • Internal Medicine • Geriatrics • Dermatology • Biochemistry • Longevity-Coherence Researcher • Medical Advisor.
©2026, Dr. HU Jabs, SDG.