Dr. med. Stefan Rupp hat kürzlich einen spannenden Gedanken geteilt: Unsere LDL-Werte stammen aus der Steinzeit. Die Evolution hat den Menschen nicht für ein Leben von 85+ Jahren optimiert.

Warum also ein Molekül, das über Jahrzehnte Arteriosklerose begünstigen kann?
Das ist der perfekte Einstieg für eine unbequeme Frage:
Ist LDL-Cholesterin wirklich der zentrale Risikofaktor – oder haben wir hier einen jahrzehntealten Wissenschaftsirrtum vor uns, der durch selektive Daten, pharmazeutische Interessen und eine zu stark vereinfachte Sicht auf die menschliche Biologie entstanden ist?

Die etablierte Sichtweise (kurz)
Seit Ancel Keys und Framingham gilt: LDL-Partikel dringen in die Gefäßwand ein, oxidieren, triggern Entzündung → Plaque.
Mendelian-Randomization-Studien und Interventionsstudien zeigen eine dosisabhängige Assoziation von ApoB/LDL-C mit koronarer Herzkrankheit.
Die LDL-Lifetime-Exposition ist entscheidend. Neugeborene kommen mit sehr niedrigen Werten aus. Genetisch niedrige Werte (z. B. PCSK9) sind protektiv.
Die provokanten Gegenfragen & Nuancen
1. Evolutionärer Mismatch
In der Steinzeit kürzere Lebenserwartung, hohe körperliche Aktivität, variable fettreiche Ernährung. Atherosklerose war kein Selektionsdruck. LDL könnte adaptiv gewesen sein für Energie- und Hormontransport.
2. Kontext entscheidet – Lean Mass Hyper-Responder
Bei metabolisch gesunden Menschen auf Low-Carb/Keto steigen LDL-Werte stark, bei exzellenten anderen Markern (niedrige Triglyzeride, hohes HDL, gute Insulinempfindlichkeit). Erste Daten deuten auf geringeres Risiko hin als erwartet.
3. ApoB zu LDL-C – das entscheidende Verhältnis
Hier liegt einer der größten blinden Flecken des klassischen LDL-Dogmas:
– LDL-C misst die Cholesterinmenge in LDL-Partikeln.
– ApoB misst die Anzahl der atherogenen Partikel (jedes LDL-, IDL- oder VLDL-Partikel trägt genau ein ApoB-Molekül).
Bei gleichem LDL-C kann die Partikelanzahl (ApoB) stark variieren – besonders bei kleinen, dichten LDL-Partikeln (häufig bei Insulinresistenz und metabolischem Syndrom).
Diese haben weniger Cholesterin pro Partikel → „normales“ LDL-C, aber hohes ApoB und höheres Risiko.
ApoB ist in vielen Studien ein stärkerer Prädiktor für kardiovaskuläre Ereignisse als LDL-C.
In Leitlinien wird ApoB zunehmend empfohlen, besonders bei Diabetes, Hypertriglyzeridämie oder nach Statin-Therapie.
Das Verhältnis ApoB/LDL-C gibt Aufschluss über die Partikelgröße und -dichte – ein hohes Verhältnis signalisiert gefährlichere Partikel.
Viele Menschen mit „normalem“ LDL-C haben dennoch ein hohes ApoB und unterschätztes Risiko. Die gängige LDL-C-Messung allein ist daher oft irreführend.
4. PROCAM-Studie, Tangier-Krankheit und institutionelle Einflüsse
Die PROCAM-Studie (Münster, Gerd Assmann) lieferte wichtige deutsche Daten und zeigte Triglyzeride als unabhängigen Risikofaktor.
Kritiker bemängeln jedoch die Beobachtungs-Natur, Selektion (überwiegend Männer) und die spätere einseitige Übersetzung in LDL-zentrierte Strategien.
Die Tangier-Krankheit (ABCA1-Mutation) dreht das Dogma „LDL schlecht – HDL gut“ um: Fast fehlendes HDL, aber nicht immer das erwartete dramatisch erhöhte Atheroskleroserisiko – besonders bei niedrigem LDL.
Es unterstreicht: Funktion (Reverse Cholesterol Transport) und Gesamtkontext sind entscheidender als isolierte Werte.
Der einseitige Einfluss der Pharmaindustrie verstärkte das vereinfachte Narrativ: Viele große Studien waren industrie-finanziert, HDL-Raising-Therapien scheiterten, während LDL-Senker Blockbuster wurden.
Alternative metabolische Ansätze blieben unterfinanziert.
Die Assmann-Stiftung und die Münsteraner Lipidforschung (ehemals Leibniz-Institut) institutionalisierten das lipid-zentrierte Paradigma mit PROCAM-Tools, die bis heute genutzt werden.
Ihr Erbe ist wertvoll für Risikostratifizierung, wird aber zunehmend kritisch hinterfragt, weil es den metabolischen & evolutionären Kontext zu wenig berücksichtigt.
Zeit für Nuancen statt Dogmen
LDL/ApoB sind kausal beteiligt – besonders bei langer Exposition.
Aber die jahrzehntelange Vereinfachung, der Fokus auf LDL-C statt ApoB, der Pharma-Einfluss und Beispiele wie Tangier zeigen die Grenzen des alten Modells.
Der Schlüssel liegt in ApoB, Partikelfunktion, Lifetime-Exposition, metabolischer Gesundheit und personalisierter Medizin – nicht in pauschalen „je niedriger, desto besser“-Zielwerten.
Was denkt ihr?
– Habt ihr ApoB-Werte gemessen und wie korrelieren sie mit LDL-C bei euch?
– Sollten Leitlinien ApoB stärker priorisieren und den metabolischen Kontext einbeziehen?
– Oder bleibt das alte LDL-Dogma ausreichend?



Dr. Hans-Ulrich Jabs, MD, PhD, MACP-ASIM
Independent Research • Internal Medicine • Geriatrics • Dermatology • Biochemistry • Longevity-Coherence Researcher • Medical Advisor.
©2026, Dr. HU Jabs, SDG.